Kurzgeschichten

Zbygniew

Zbygniew war von hagerer Gestalt und von kleinem Wuchs. Von den Fußsohlen bis zum Scheitel entsprach seine Körperhöhe nur unwesentlich mehr der eines ziemlich groß gewachsenen Pygmäen. Zbygniew war eine Zangengeburt und aus diesem Grund war seine untere Gesichtshälfte abartig verformt. Die damalige Zangengeburt wurde nicht sehr professionell durchgeführt, denn der ausführende Mediziner war seines Faches nicht wirklich mächtig und hatte bei seiner Bewerbung um den Geburtshelferposten in Tel-Aviv mit vielen Details gelogen und betrogen.

Seit vielen Jahren nun wohnte Zbygniew in einem heruntergekommenen Souterrain des ‚Pulmonary Institutes‘ in Tel-Aviv. Er war mittellos und desillusioniert, denn seine Anstellung als Akademiker in einer Vorort Schule für Minderheiten brachte ihm nur einen kargen Lohn. Sein Tagesablauf war dem eines Tagelöhners ebenbürtig und wiederholte sich minutiös von Montag bis Samstag aufs neue. Nur sonntags hatte Zbygniew einen freien Tag, welchen er zumeist damit verbrachte, dass er seine übrig gebliebenen Pausenbrote der Arbeitswoche an noch mittellosere und desillusioniertere Passanten verfütterte. Dann fühlte er sich groß und mächtig. Doch wenn das Pausenbrot restlos verfüttert war, erklomm ihn wieder der Gram über sein so nutzloses Leben. Zbygniew war sehr unzufrieden und träumte oft von einem besseren Dasein als zangengeborener Akademiker.

Sein zangengeborenes, deformiertes Kinn war ihm seit der Zeit, als ihm Schamhaare bis hinauf zum Bauchnabel wuchsen und seine Achselhöhlen sich mit Büscheln drahtiger Haarkringel füllten, kein Wegbereiter in ein besseres Leben. Nein, sein missratener Schädel brachte ihm nur Schmach und Schande und einmal sogar die Einladung ihn ein Raritätenkabinett. Wie Zbygniew aber beim Betreten des Kabinetts feststellte, sollte er die Rarität in diesem Kabinett sein und so zog er es vor, diese Einladung auszuschlagen.

Zbygniew bewunderte tagein und tagaus die schönen Menschen um sich herum. Fast alle waren gesegnet mit herausragender Schönheit und wohlproportionierten Geschichtszügen. Er wollte auch so sein. Ein bewunderter Schönling, der mitunter sogar als Masturbationsvorlage alleinstehender Damen mittleren Alters dienen könnte.

Zbygniew wurde immer depressiver und desillusionierter und fasste an seinem 25. in schwerer Einsamkeit und Lebensverneinung verbrachten Geburtstag den folgenschweren Entschluss, sein missratenes Kinn gegen ein hünenhaftes Kinn zu ersetzen. Nun war Zbygniew nicht selbst in der Lage schönheitsoperative Eingriffe an sich vorzunehmen und ihm fehlte es auch an einem geeigneten Spender in Tel Aviv. Also begab er sich zu den Toren der Stadt und blickte das erste Mal in seinem tristen Leben in die Welt hinaus.

Er hatte in der Akademikerkantine eher beifällig erfahren, dass in einer kleinen Stadt in Bolivien ein florierender Marktplatz für Kinne existieren soll. Auf Hochglanzfotos eines in einem Tel-Aviver Postlokals ausliegenden Kinnkataloges hat sich Zbygniew bereits einige Varianten angeschaut und sich letztlich für ein fliehendes Kinn entschieden. Das fliehende Kinn sollte ihn maskulin und schön machen und zum begehrten Patron der Tel-Aviver Prostituierten Szene. Seine unterschwellige bisexuelle Neigung spielte bei seiner Wahl keine tragende Rolle, denn mit seinem missratenen Kinn, war er in der Öffentlichkeit bisher immer eine gemiedene Persönlichkeit und galt zudem als unheilbar homophob.

Zbygniew blickte nicht zurück als er das Ortsschild von Tel-Aviv passierte und sein behäbiger Gang ihn zu einem Pendler Parkplatz vor den Toren der Stadt führte. Hier wollte er starten, denn er hatte gehört, dass an diesem Pendler Parkplatz Mitfahrgelegenheiten feilgeboten werden. Er war ungeübt in jeglicher Hinsicht, was den allgemeinen Geschlechtsakt betraf, aber mangels finanzieller Möglichkeiten, wollte er auf dem Pendlerparkplatz seine Jungfräulichkeit gegen eine Mitfahrgelegenheit eintauschen.

Ein fairer Tausch, so dachte Zbygniew, aber er hatte in seinem naiven Kleingeist nicht im geringsten mit dem gerechnet, was ihm auf dem Parkplatz erwarten sollte.

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