Kurzgeschichten

Die Erbschaft

Mühsam erhob sich Norbert Nackend von seinem verwahrlosten Schlafsofa. Er lief behäbig in Richtung Wohnungstür und trat dabei gegen diverse Spirituosenflaschen, welche kreuz und quer verteilt auf dem vollgekotzten und mit allem möglichen Unrat drapierten Teppich lagen. „Meine Fresse, ich bin doch schon unterwegs“ entgegnete er lallend auf das wiederholte Klopfen. Vor der Tür stand Advokat Bernfried Trinkenschuh und rieb sich gelangweilt seinen Penis durch das große Loch in seiner linken Hosentasche, während er darauf wartete, dass Nackend die Tür öffnete.

„Können Sie bitte öffnen Herr Nackend?“ fragte Trinkenschuh und presste dabei sein linkes Ohr gegen die Tür, um die polternden Geräusche, welche aus der Wohnung drangen, besser identifizieren zu können. Sein Ohr hinterließ dabei einen großen fettigen Fleck auf dem wie Löschpapier wirkenden hellbeigen Farbanstrich der Tür.  In diesem Moment öffnete Nackend die Türe einen Spalt und Trinkenschuh verlor kurz das Gleichgewicht. Nur indem Trinkenschuh seine linke Hand schnell aus der löchrigen Hosentasche zog und sich mit einem katzenartigen Reflex am Türrahmen festhielt, vermied er den unfreiwilligen Sturz in Nackends Arme.

„Wer sind Sie? Was wollen Sie?“ raunzte Nackend mürrisch durch den Türspalt. „Ich bin Bernfried Trinkenschuh und verwalte den Nachlass von Petra Feuchtbeiner, einer angeheirateten Cousine Ihrer Großtante Elsbeth Schulze-Mannheim.“ sagte Trinkenschuh. „Petra wer? Nie gehört!“ sagte Nackend flapsig und öffnete die Tür noch ein Stück weiter. Nackend lebte seit Jahren am Existenzminimum und war Advokaten gegenüber immer misstrauisch, aber der Begriff ‚Nachlassverwalter‘ hat ihn neugierig gemacht.

„Kommen Sie rein Herr… . Wie war noch Ihr Name?“ Trotz aller widrigen Umstände, in denen Nackend lebte, bewahrte er sich doch etwas Anstand und Respekt. „Trinkenschuh, Bernfried.“ unterbrach der Advokat Nackend und folgte ihm in die spartanisch eingerichtete Wohnung. Trinkenschuh sah sich skeptisch um und seine tiefsitzenden Augen musterten abwechselnd die altmodischen, dunkelgelben Übergardinen am Wohnzimmerfenster und den wackeligen grünen Kunstledersessel, welchen ihm Nackend als Sitzplatz angeboten hatte.

Seine Aktentasche mit zwei Händen umklammernd ließ sich Trinkenschuh vorsichtig in das Kunstleder rutschen. Trinkenschuh war ein ziemlich adipöser Mann und hatte, ob seines Übergewichtes die Befürchtung, dass der Sessel ihn nicht lange tragen wird. Nackend sah Trinkenschuhs ängstliche Verzweiflung und sagte entschuldigend: „Tut mir leid Anwalt, ich habe leider keine bessere Sitzgelegenheit.“ Trinkenschuh machte eine beschwichtigende Handbewegung und kam dann schnell zur Sache, denn obwohl er selbst die Körperpflege nicht sehr ernst nahm, verspürte er ein pelziges Gefühl auf seiner Zunge und Nackends beißender Schweißgeruch legte sich bedrohlich in seine Atemwege.

„Petra Feuchtbeiner ist im März gestorben. Sie hatte keine Kinder und Geschwister und wir haben Sie als nächsten Verwandten ermittelt.“ sagte Trinkenschuh und reichte Nackend einige Papiere. „Ich habe noch nie etwas von einer solchen Petra gehört. Klären Sie mich auf Anwalt!“ forderte Nackend forsch und ließ dann gurgelnd einen großen Schluck Korn in seine Kehle laufen.

„Frau Feuchtbeiner war eine Cousine Ihrer Großtante Elsbeth Schulze-Mannheim. Sie ist nach dem Tod von Frau Schulze-Mannheim vor Jahren nach Mogadischu ausgewandert und nun auf tragische Weise zu Tode gekommen. Genaueres steht alles in den Dokumenten, die ich Ihnen gerade gegeben habe.“ sagte Trinkenschuh und deutete auf den Stapel beidseitig bedruckter A4 Seiten, die Nackend nun zusammengerollt in der linken Hand hielt. „Wie ist sie gestorben?“ fragte Nackend eher desinteressiert. „Lustige Geschichte“ entgegnete Trinkenschuh mit einem feisten Lächeln über den schmalen Lippen, „Der örtliche Ermittler vermutet, dass sie beim Sex mit Ihrem einzigen Angestellten Lisimba Kwane das Gleichgewicht verlor, von einem Geländer rutschte und in den darunter stehenden Kessel flüssigen Metalls fiel. Man fand größere Mengen Scheidenflüssigkeit und Sperma am Geländer. Den Kwane konnte man leider nicht mehr zum Hergang befragen, denn er ist vermutlich beim Versuch die Feuchtbeiner zu retten ebenfalls zu Tode gekommen. Man fand ihn nackt neben dem Kessel. Er ist in eine Gitterbox mit losen Heftklammern gestürzt. Dabei wurde sein Rektum erheblich verletzt und er ist letztlich an analem Blutverlust gestorben.“

„Und was hat das jetzt alles mit mir zu tun?“ fragte Nackend stirnrunzelnd den Advokat. „Nun ja, wenn Sie das Erbe annehmen, gehört Ihnen ab sofort die kleine Metallverarbeitungswerkstatt in Mogadischu und etwas Bargeld Herr Nackend. Sie müssen nur auf der letzten Seite unterschreiben.“ Trinkenschuh reichte Nackend einen Kugelschreiber. Nackend blätterte in den Unterlagen bis ganz nach hinten und unterschrieb ohne sich weitere Gedanken zu machen.

„Dann wäre ja alles geklärt.“ freute sich Trinkenschuh und übergab Nackend einen dicken Aktenordner. „Hier drin finden Sie alles weitere. Adresse in Mogadischu, Bankkarte, Geheimzahl, Schlüssel für die Werkstatt.“ murmelte Trinkenschuh, während er sich aus dem Kunstledersessel erhob. Von Nackend unbemerkt hatte Trinkenschuh während der ganzen Zeit durch das Loch in seiner Hosentasche an seinem Geschlechtsteil manipuliert, so dass sich nun eine gewaltige Erektion in seiner Hose abzeichnete.

„Scheint Sie ja mächtig erregt zu haben, der Tod der Feuchtbeiner.“ frotzelte Nackend und amüsierte sich, als Trinkenschuh schlagartig errötete. „Ähm nein, das ist nicht so, wie Sie denken.“ stammelte Trinkenschuh verlegen. „Ich habe mir kürzlich beim Hose anziehen meinen Penis im Reißverschluss geklemmt. Das war etwas schmerzhaft und blutig und nun löst sich der Grind von der Verletzung und das juckt leider ständig unangenehm.“ versuchte sich Trinkenschuh zu erklären.

„Aha, okay. Ich glaube, über den Grund Ihres Ständers gehen unsere Meinungen so weit auseinander, wie die Schenkel einer tschechischen Prostituierten!“ konterte Nackend und schob Trinkenschuh Richtung Tür. Trinkenschuh verließ kleinlaut die schäbige Wohnung Nackends und lief in Richtung des Treppenhauses. Nackend sah kurz hinterher und ließ dann die Türe ploppend ins Schloss fallen.

Nackend genehmigte sich noch einen großen Schluck aus der Flasche Korn, nahm sich den Reiseführer ‚Mogadischu für Anfänger‘ aus dem Bücherregal und legte sich auf das Sofa. Nackend hatte das Buch gerade aufgeschlagen, als jemand mit Nachdruck an die Tür hämmerte: „Nackend! Du perverses Schwein! Mach auf! Ich weiß, dass Du da bist!“.

Letzte Nacht hatte Nackend ein Trinkgelage mit dem alleinstehenden Herrn aus dem fünften Stock und im beiderseitigen Vollrausch scheint die ganze Situation wohl etwas eskaliert zu sein. „Ich muss hier weg.“ dachte Nackend. Eilig packte er eine Tasche mit persönlichen Sachen und den Unterlagen von Trinkenschuh. Er öffnete leise das kleine Fenster im Badezimmer, warf zuerst seine Tasche aus dem Fenster und quetschte sich dann durch die etwa bierkastengroße Fensteröffnung in den dunklen Hinterhof.

Nackend konnte jetzt nicht mehr zurück. Da war der wutschnaubende Mann aus der 5. Etage und ein Leben, dass ihm nichts zu bieten hatte. Er sah kurz zurück und machte sich dann auf den langen Weg nach Mogadischu.

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