Kurzgeschichten

Tod im Supermarkt

Eine gar groteske Begebenheit erlebte ich kürzlich in einem nahe gelegenen Einkaufsladen. Die benötigten Lebensmittel hatte ich bereits ordentlich in den Korb gelegt und mich respektvoll in der Warteschlange an der Kasse eingereiht. Die Kassiererin war ein wenig langsam in ihren Arbeitsabläufen, so dass in mir der Verdacht keimte, dass hier nur eine Hilfskraft ihr Tagwerk verrichtete.

Ungestüm bahnte sich eine etwas einfältig ausschauende junge frau den weg zu dem halben Dutzend an der Kasse wartenden anderen Kunden des Geschäfts. Auf ihren dünnen Armen balancierte die Frau zirkusreif ein Paket Nudeln, ein Glas Gurken, etwas Mostrich, unter Schutzatmosphäre verpackte Rouladen vom Rind, diverse Süßigkeiten, Monatshygiene für die starken Tage und noch mehrere andere Waren des täglichen Bedarfes.

Die hagere Frau schien etwas in Eile zu sein, denn sie wandte sich direkt an die mutmaßliche Hilfskraft an der Kasse und fragte etwas barsch, ob die Möglichkeit der Öffnung einer zweiten Kasse bestünde, was die korpulente frau mit einem kurzen Kopfnicken und einem entnervten laut bejahte. Die junge frau brachte sich nun schnell in eine aussichtsreiche Position, um direkt und ungehindert als erste an die zweite Kasse stürmen zu können, sobald diese eröffnet werden würde. Offenbar hatte die ungeduldige Frau ihre Fähigkeiten überschätzt, denn die Rouladen wurden ein Opfer der Schwerkraft und fanden den Weg auf den Ladenfußboden.

Eine schwierige Situation entstand, denn wie sollte die frau die Rouladen wieder auf ihren Warenstapel zurückführen, ohne ihren restlichen Einkauf zu gefährden? Jede unbedachte Bewegung hätte unweigerlich zum Absturz einiger anderer Artikel geführt.

Ein betagter Herr erkannte reaktionsschnell die schier ausweglose Konstellation und barg die Rouladen vom Absturzort, um sie der völlig überforderten Kundin zurückzugeben. Beim Versuch das Fleisch wieder auf der linken Seite des Stapels zu platzieren versagte die frau erneut kläglich. Der Stapel war mittlerweile sehr rechtslastig und nur das spitze Kinn der Frau hielt den Warenberg noch etwas zusammen. Durch den linksseitigen Druck der Rouladen löste sich eine Art Lebensmittellawine auf der rechten Seite und die Nudeln waren nicht mehr zu halten. Die Teigwaren glitten über den dünnen Arm der Frau und wurden durch das reflexartige Anheben des Knies der Frau mit einer sehr schön anzuschauenden Flugphase zurück in den Laden katapultiert. Wieder half der betagte Mann der jungen Frau den Stapel neu zu ordnen, während die Nudeln ab sofort als unwiederbringlich verloren galten.

Nach schier unendlichen Minuten des Wartens begab sich eine Dame im Dederonkleidchen in Richtung Kasse zwei, um diese just zu eröffnen. Die junge Kundin sah nun eine reelle Chance auf Verkürzung der Wartezeit und preschte mit einem großen Ausfallschritt voran, um sich die erste Position an Kasse zwei zu sichern. Der Warenstapel auf ihren Armen war in den Minuten davor zu einem sehr wackeligen Gebilde mutiert, so dass während des Ausfallschrittes der Frau die Gewürzgurken abstürzten und mit einem saftigen Geräusch vor dem Laufband zerschellten. Ohne die schützende Glasbehausung und ohne die lebenswichtige Flüssigkeit starben die Gurken einen schnellen, traurigen und vor allem sinnlosen Tod auf den kalten Fliesen im Kassenbereich.

Einer Ohnmacht nahe schlug Kassiererin Numero 2 die Hände über ihrem freundlich wirkenden Antlitz zusammen und schob die auf die Kasse zuströmenden Kunden konsequent zurück. Hier müsse nun erst der Boden von Glas, Gurkenwasser, Senfkörnern und Gurken bereinigt werden, ehe die Zusatzkasse eröffnet werden könne, zischte die Kassiererin mit herrischer Stimme. Die Wartenden drängten nun zurück in Schlange eins und die schuldige Kundin fand nun auch endlich die Möglichkeit, ihre Waren auf dem Laufband zu verteilen.

Ein etwas grobmotoriger Herr am hinteren Ende der Schlange murmelte auffallend deutlich in Richtung der Kundin, dass ein Einkaufswagen die ganze Farce hätte verhindern können. Die junge frau errötete, ob der Einsicht ihrer Schuld und nestelte verlegen am Reißverschluss ihrer viel zu großen Filzjacke.

Die Moral dieser Geschichte ist zweifelsohne eine wichtige Moral: Einkaufswagen können das Leben von Gewürzgurken retten!!!

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