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Biedermann und die Brandmelder

Paraguay. 1971. Ernesto Biedermann lebte schon seit 26 Jahren in Asuncion. Als Witwer führte er ein einfaches Leben. Zu seiner deutschen Heimat pflegte er wenig Kontakt. In den letzten Wochen ging er freitags in einen Zigarrenclub.
Dort traf er Freunde. Deutsche und auch Einheimische. Man unterhielt sich über Kuba, über die BRD, über Zigarren, über Alfredo.
Frauen fanden selten den Weg in die ‚Lounge de Tobaco‘. Und wenn, dann nur in Begleitung ihrer reichen Gatten. Drei Mal kam jene Lady jetzt schon. Immer allein. Immer in einem eleganten Abendkleid. Bei jedem Besuch der gleiche Ablauf. Drei Cocktails an der Bar und zwei Zigarillos. Danach ging sie. Niemand wusste, wer sie war. Niemand kannte sie. Und vor allem, niemand traute sich, sie anzusprechen.

„Schau, wer kommt.“, Pedro, Ernestos bester Freund, stupste ihn an und zeigte dezent in Richtung Einlass. Keine Reaktion.
„Jetzt guck. Die geheimnisvolle Dame. Heute in Weiß.“, Pedro stieß Ernesto heftig an, dass die Asche der Zigarre auf dem feinen Leinenstoff der Hose landete.
„Pass doch auf.“, Biedermann wischte über den Stoff und schaute zum Eingang.
„Perdóname, por favor.“
„Heut trau ich mich.“, stammelte Ernesto.

„Meine Herren.“, Ernesto stand auf und knallte die Hacken zusammen, „Werden sie Zeuge, wie ich die mysteriöse Lady erobere.“, Er prahlte selbstbewusst. Ein Raunen lief durch die Gruppe.
Wie ein arroganter Gockel stolzierte Ernesto durch den Club. Die Zigarre lässig im Mundwinkel, verteilte er dicke Schwaden in der Lounge.
„Es geht los.“, Pedro stachelte die Herrengruppe auf.

Alle Blicke konzentrierten sich auf Ernesto. Selbstsicher schritt er die letzten Meter. Die Dame bemerkte den Angriff und setzte sich elegant in Pose.
„Guten Abend. Mein Name ist Biedermann. Ernesto Biedermann.“, höflich stellte sich der Galan vor und vergaß dabei nicht eine taktvolle Verbeugung.
„Angenehm. Brandmelder. Hertha Brandmelder.“, die Fremde war nicht länger fremd.
Ernesto nahm ihre ausgestreckte Hand und deutete wohlerzogen den erwarteten Handkuss an. Die Menge um Pedro johlte.

Hertha nahm den Spießer aus Ernestos Cocktail. Lasziv saugte sie die Olive von der Spitze.
„Wollen wir gehen?“, fragte die Brandmelder und kniff ein Auge zu.
„Sie sind ja forsch. Können sie noch mehr?“
„Ich blase talentiert Brahms Kantaten auf der Blockflöte.“
„Oh. Imposant. Ich liebe Brahms“, entgegnete Biedermann selbstbewusst. Das Eis war gebrochen.
Er führte die Lady gezielt zur Garderobe der Lounge. Sie henkelte sich bei ihm ein. Die Beiden gaben ein grandioses Paar ab, obwohl sie sich erst vor Minuten kennenlernten.

„Biedermann und die Brandmelder. Seht.“, Pedro lehnte sich zurück in die Sitzecke und nickte anerkennend in die Herrenrunde.
„Meine Blockflöte und die schwarze Robe bitte.“, präzise bat sie den Garderobier um ihre Utensilien.
„Sie tragen ihre Flöte mit in den Zigarrenclub?“, fragte Ernesto. Sie schaute nur und blieb die Antwort schuldig.
„Was tun sie in ihrer Freizeit? Hobbys?“, erkundigte sich Hertha.
Ernesto errötete leicht. „Es ist kein Hobby per se. Eher eine Leidenschaft.“
Die Brandmelder schaute ihr Gegenüber fragend an und zupfte an seinem Ärmel.
„Gehen wir.“, Ernesto schob Hertha vorsichtig Richtung Ausgang.
Die Beiden stiegen die Treppe hinab und traten in die brütend heiße Nacht hinaus. Schweiß trat auf Ernestos Stirn.

„Taxi!“, Hertha hob ihren Arm und er sah ihre frisch rasierte Achsel. Er war fasziniert von dieser Frau. „Ich möchte gern meine Leidenschaft mit ihnen teilen.“. Hertha lächelte nur verschmitzt.
Ein rostiges Auto stoppte. Ernesto öffnete Hertha wohlerzogen die Tür und half ihr in den Wagen. Die Droschke fuhr das Paar an das andere Ende der Stadt und hielt vor einer Villa.
Hertha bezahlte den Fahrer. „Komm. Ich blase dir eine Brahms Kantate.“
„Hm, Brahms.“, säuselte Ernesto und zog das A ewig lang.

Beide hatten während der Fahrt vom steifen Sie auf das vertraute Du gewechselt.
„Erzähl mir von deiner Leidenschaft?“, flüsterte Hertha. Selbstsicher henkelte sie sich bei Ernesto ein und führte ihn die Treppe zum Eingang hinauf.
„Ich zeig es dir, nachdem du die Kantate geblasen hast.
„Gerne, gehen wir in das Musikzimmer. Da ist die Akustik am besten.“
Das Paar schritt vertraut durch das Haus. Sie wirkten verliebt, als wären Beide schon ewig liiert. Liebevoll legte sie ihren Kopf auf seine Schulter, während er sich von ihr sanft in die erste Etage führen ließ.
„Wir sind da.“, Hertha öffnete die Tür und trat ein.
„Schön.“, resümierte Ernesto, nachdem er sich umgesehen hatte.
Sie stellte sich vor den Notenständer und blätterte in den Seiten.
„Rinaldo opus 50?“
„Perfekt.“, Ernesto schnaufte, setzte sich in einen Sessel mit Blick zu Hertha und lauschte ihrer Flöte.

Die Aufführung dauerte rund vierzig Minuten und obwohl das Werk für ein Orchester bestimmt ist, klang ihre Blockflöte anmutig.
Ernesto trat in eine Phase der Verzückung und applaudierte heftig. Sie errötete verschämt.
„Jetzt bist du dran.“, erinnerte sie Ernesto an seine Leidenschaft.
„Nun ja, es ist etwas frivol.“, stotterte er und nestelte am Bändchen der Kapuze.
„Frivol?“
„Ich bin Schamhaarfriseur.“
Hertha verschluckte sich fast am Wein, „Du bist was?“

„Wenn du möchtest…“, er hatte die Worte kaum ausgesprochen, da stand sie schon entkleidet vor ihm.
„Leg dich bitte da hin.“, Ernesto zeigte auf die weinrote Liege. Liebevoll frisierte er ihre Schamhaare. Rund 15 Minuten benötigte er für sein Kunstwerk.
„Fertig.“

Hertha sprang auf und posierte vor dem Standspiegel.
„Das ist Alfredo.“, frohlockte sie und betrachtete die Frisur.
„Strössner frisiere ich am liebsten.“, scherzte Ernesto. Beide lachten und nackt schmiegte sie sich an ihn. Sogleich legte der verliebte Gockel seine Kleidung ab.
Wie ausgehungerte Tiere fielen sie übereinander her. Erregt blies sie seine Flöte, dieweil er ihre Frisur bürstete. Sie bemerkten nicht, dass ihr Gatte Herbert das Haus betreten hatte. Das Liebespaar näherte sich dem gemeinsamen Gipfel, als die Tür aufflog.

„Es ist nicht, wie du denkst.“, beteuerte sie. Der gehörnte Ehemann schenkte ihr keinen Glauben. Wütend zerrte er die nackte Frau von Ernesto und warf sie in den Sessel.
„Zieh dich an! Sofort!“
„Ja Herbert.“, stammelte Hertha devot.

„Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass…“, Ernesto flehte und verspürte sogleich einen harten Schlag im Gesicht.
Rücklings fiel er von der Liege und bedeckte sich notdürftig mit einem Kissen. Der Angreifer war außer sich. In blinder Rage griff er sich die Blockflöte, die Augenblicke zuvor die schönste Melodei von sich gab.
Immer wieder drosch er damit auf Ernesto ein, der sich vor Schmerzen auf dem Teppich krümmte.
„Hör auf. Du bringst ihn ja um.“, schrie Hertha und zerrte an Herberts Arm. Wie eine lästige Fliege schüttelte er das Weib ab und setzte seine Attacke fort. Das Opfer röchelte nur noch, als Herbert endlich von ihm abließ.
Herbert wandte sich seiner Frau zu. „Hertha, wie konntest du nur?“, fragte er sichtlich enttäuscht.
„Ich war sehr einsam. Bitte verzeih.“

Die Situation entspannte sich und Ernesto kam zu sich. Er war übel zugerichtet, aber hart im Nehmen.
Das Ehepaar half ihm auf die Liege und versorgte seine Wunden.
„Es tut mir wirklich leid. Ich wusste nicht, dass sie verheiratet ist.“, entschuldigte sich Ernesto. Er suchte seine Kleidung zusammen und wischte sich das Blut aus dem Gesicht.
„Ich glaub, meine Nase ist gebrochen. Sie schlagen verdammt kräftig zu.“
„Ich war wohl etwas zu grob. Tut mir leid.“, entschuldigte sich Herbert.

Hertha Brandmelder gab kleinlaut ihre Schuld zu und streichelte die Herren. „Was wird das jetzt?“, erkundigte sich ihr Mann. Ernesto schaute fragend. Hertha setzte sich zwischen die Beiden und ab diesem Zeitpunkt nahm der Abend eine unerwartete Wendung.

Die Vögel sangen schon in den schönsten Noten, als Ernesto das Haus verließ. Wohlig entspannt zog er einen Spaziergang durch Asuncion einer Taxifahrt vor. Hertha stand am Fenster und schaute Ernesto hinterher. Ihr Gatte trat von hinten an sie heran. Er legte seine Hände um ihren Hals und drückte zu.

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur 4. ClueWriting Challenge

Proktologe

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