Kurzgeschichten

Der Kinobesuch der alten Dame

Das alte Kino im Westen der Stadt sollte weichen. ‚Lupe‘ plante den Bau eines neuen Eros-Centers. Seinem alten Laufhaus ein paar Ecken weiter drohte die Schließung.

‚Lupe‘, das war Leroy Fink. Seit Jahren eine feste Größe im horizontalen Gewerbe. Extra starke Brillengläser hatten ihm einst diesen Spottnamen eingebracht. Der Rahmen war aus dickem Horn und brach häufig entzwei. Meist, wenn Lupe sich mal wieder geprügelt hatte. Und schlagen musste er sich oft, seit er als 12-jähriger dieses Okular tragen musste. Lupe hasste seine Brille, aber ohne war er blind wie ein Maulwurf.

Leroy Finks Karriere verlief steil. Man sagte von ihm, dass er über Leichen ging. So kam er vor Jahren auch in den Besitz des alten Kinos. Der Eigentümer jedenfalls verschwand spurlos im Herbst 1973. Lupe präsentierte ein paar Tage nach dem Verschwinden einen Kaufvertrag und ließ sich ins Grundbuch eintragen. Aber zu diesem Zeitpunkt liefen in dem Kino schon lange keine Filme mehr.

Jetzt, Jahre später, wollte Lupe das Gebäude zu einem Laufhaus und den Saal zu einer Bühne für frivole Shows umbauen. Fast täglich besuchte er seine Baustelle.

„Wieso steht hier alles still?“, herrschte Lupe den Mann am Presslufthammer an. Erschrocken ließ dieser seine Flasche fallen. Das Glas splitterte und ein halber Liter Bier versickerte im staubigen Boden.

„Gibt Problem.“, stotterte der Pole und zeigte auf das Loch in der Wand.

„Wieso Problem? Du sollst die Wand einreißen und nicht rumstehen!“, Lupe wurde cholerisch.

„Schauen Herr Fink.“, Zbigniew deutete erneut auf das Loch.

Lupe riss einem Arbeiter die Taschenlampe aus der Hand und leuchtete halbherzig in das Loch.

„Ich sehe nichts.“

„Richtig schauen Herr Fink.“, bat Zbigniew und zeigte noch einmal auf die Öffnung in der Wand.

Lupe verschwand mit dem halben Rumpf in dem Hohlraum. Sein Körper verharrte regungslos. Der Moment schien ewig. Gespenstige Stille füllte den Raum. Die Ruhe wurde erst unterbrochen, als Lupe aus dem Loch zurücktaumelte und über einen Eimer stolperte. Er würgte mehrfach. Zittrig stützte er sich an einer alten Gussheizung ab, um sich sogleich zu übergeben. Vor Zbigniews Füßen landeten ein paar zerkaute Wurststücke und ein Schwall Erdbeer-Milch.

Der Pole sprang erschrocken zurück. „Hallo?“, Zbigniew wischte sich die Spritzer von den Schuhen, indem er sie an der Hose rieb.

„Was ist hier passiert?“, fragte Lupe. Seine Augen tränten. Alle sahen sich ratlos an und zuckten nur mit den Schultern.

„Und was wird jetzt aus meinem Eros-Center?“, flüsterte Lupe apathisch vor sich hin. Er wirkte teilnahmslos. Der Raum im Keller des alten Kinos war in keinem Plan verzeichnet und schien schon seit Jahren zugemauert gewesen zu sein. Ihm war klar, dass der Baufortschritt nun stocken würde. „Das wird mich ruinieren.“, resignierte er.

Polier John Masurke trat in die Runde. Er ließ sich von Fink die Taschenlampe geben, um ebenfalls ins Loch zu schauen.

John krabbelte mit seinem ganzen Körper in die Öffnung und dumpf hörte man ihn aus dem Loch heraus sagen: „Das Kino florierte einst. Jeden Tag ein ausverkaufter Saal. Aber dann verschwanden Menschen.“

„Und?“, unterbrach Lupe flapsig.

Masurke kroch zurück und schaute in die Gesichter der Bauarbeiter. „Es kamen immer weniger Besucher. Man sagte, dass eine alte Dame im Kinosaal ihr Unwesen treibt. Nun ja, der Fall wurde nie aufgeklärt.“

„Bis jetzt.“, warf Zbigniew dazwischen.

„Richtig Zbig. Ich glaube, wir haben sie gefunden.“, Masurke nickte in die Richtung des Polen und spuckte aus.

„Wen gefunden?“, Lupe war noch immer übel. Er saß auf dem Heizkörper und schüttelte ständig den Kopf. Vor wenigen Augenblicken hatte er sich ein zweites Mal erbrochen.

„Die Vermissten.“, Masurke schaute zu Lupe. Dann setzte er sich in eine Schubkarre und erzählte weiter. Die Männergruppe im Keller hörte gespannt zu.

„Und jedes Mal, wenn jemand verschwand, war auch die alte Dame im Kino?“, wurde der Erzähler unterbrochen.

„Ja, jedes Mal besuchte die alte Dame eine Vorstellung im Kino. So sagt man jedenfalls.“, fuhr er fort.

„Wieviele verschwanden?“, fragte Zbigniew neugierig.

„Mindestens 40. Frauen und Männer.“

„Alle verschwanden hier im Kino?“, wollte Lupe mehr wissen und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Sein Magen hatte sich beruhigt.

„Hm.“, knurrte Masurke, „Und immer wurde die alte Dame gesehen.“

Der Polier stand auf und sah wieder zu Lupe. „Das Kino wurde vor Jahren geschlossen. Seitdem ist nichts mehr passiert.“

Minutenlang herrschte eisige Stille im Keller. Alle starrten sich. Niemand sprach ein Wort.

„Was war das?“, Lupe schreckte zusammen und strich sich abwechselnd über seine Schultern, als würde er Krümel von einem Tisch wischen. Panisch stand er auf und schaute sich um.

„Was ist los?“, fragte jemand.

„Der kalte Wind. Habt ihr das nicht gemerkt?“

Zbigniew lachte, erntete aber sogleich böse Blicke von Lupe.

„Das ist nicht witzig. Es kam von da“, Lupe deutete auf die Öffnung in der Wand.

„Er glaubt wohl, dass die alte Dame wieder das Kino besucht.“, witztelte Masurke, der im Rücken von Lupe stand.

„Das ist wirklich nicht komisch.“, blaffte Lupe und drehte sich blitzschnell zu Masurke um.

Seine Stimme klang seltsam verzerrt. Er hatte die Augen weit aufgerissen und seine ganze Mimik deutete auf Schmerzen hin.

„Herr Fink?“, Zbigniew überkam ein ungutes Gefühl. Schweiß stand auf seiner Stirn.

Lupe schaute hilfesuchend in die Gesichter der Männer. Er fiel auf die Knie und krümmte sich.

Als würde jemand an Lupes Haaren ziehen, schlug sein Kopf nach hinten. Gurgelnde Geräusche drangen aus seinem Mund. Seine Kehle öffnete sich und das Blut schoss nur so hervor. Die Augen verkehrten sich ins Weiße. Seine Blase entleerte sich die Leinenhose.

Zbigniew schrie. Die Arbeiter versuchten, aus dem Raum zu fliehen, aber es gelang nicht. Eine unsichtbare Macht stellte sich in den Weg.

„Die alte Dame.“, stammelte Masurke und zeigte auf Lupe. Eine alte Frau stand hinter Lupe und säbelte mit einer Machete durch seinen Hals. Zbigniew griff eine Schaufel und schlug auf die Alte ein. Die Hiebe gingen durch die Frau hindurch und zeigten keine Wirkung. Ein grauenvolles Lachen erschallte. Mit einer kurzen Armbewegung wirbelte sie Zbigniew durch den Raum. Bewusstlos landete dieser auf einem Haufen Ziegel.

„Ihr Narren.“, grölte die Alte und füllte den Raum mit einer Eiseskälte. Immer tiefer schnitt sie in Lupes Hals.

Mit einem Seufzer entwich das Leben aus seinem Körper. Der Hals war durchtrennt. Lupes Schädel fiel und rollerte direkt vor Masurkes Füße.  Die Alte ließ den Torso in den Dreck fallen und ein letzter Liter Blut sickerte in den Staub.

„Ihr alle werdet sterben! Einer nach dem Anderen.“, schrie die Hexe und stürzte sich auf einen der Arbeiter. Verzweifelt kämpfte dieser um sein Leben. Masurke eilte zu Hilfe und auch die anderen Arbeiter griffen ein. Gemeinsam entriss man der Alten die Machete.

„Ihr könnt mich nicht besiegen.“, kreischte die alte Dame und stieg zur Decke empor. Von oben herab versprühte sie ihre Eiseskälte und schwebte dann in die Mitte des Raumes. Alle standen wie erstarrt.

„Dann geh zurück in dein Gefängnis.“, schrie Masurke. Er stürzte sich auf die alte Frau. Die Dämonin kämpfte mit Masurke. Immer weiter drängte er in Richtung der offenen Wand.

„Schließt das Loch!“, brüllte er, als er schließlich mit der Alten in die Öffnung fiel. Rasch nahmen die Arbeiter Ziegel und Mörtel und verschlossen die Wand, während Masurke im Dunkel weiter mit der Alten rang.

Gellende Schreie drangen durch die Wand nach außen. Mal von Masurke, mal von der Alten. Die Zeit schien still zu stehen. Die Kälte im Keller verflog, als die Rufe endlich verstummten.

„Diese Wand darf nie wieder geöffnet werden.“, waren sich Zbigniew und die Anderen einig. Sie nahmen schwere Betonsteine und mauerten einen starken Wall vor die Wand. In den nächsten Tagen riss man das komplette Kino ab und versiegelte den Keller, indem man ihn komplett mit Beton ausgoss.

Noch heute erzählt man sich die Geschichten über die alte Frau, die das Kino besuchte, um die Seelen der Menschen zu fangen.

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur 4. ClueWriting Challenge

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