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Norbert Nackend & Band

Norbert saß im Korbstuhl und sog an seiner Pfeife. Dicke Schwaden tränkten das Zimmer mit Nikotin. Seit einiger Zeit rauchte er wieder. Vor Jahren hatte er aufgehört. Sein Arzt empfahl ihm den Verzicht.

„Herr Nackend, wenn Sie nicht mit dem Rauchen aufhören, spielen Sie nie wieder Trompete!“, warnte der Doktor weiland.

Norbert tat wie ihm geheißen und wurde zum besten Jazz-Trompeter der späten Fünfziger. Der Ruhm verblasste über die Jahre und wurde durch Tristesse abgelöst. Monotonie lag wie eine Schlinge um Norberts Hals. Die Schlaufe nahm ihm den Atem.

Nackend wollte dem Alltag entfliehen. Sein Blick bohrte sich suchend durch die rauchige Luft und verharrte über dem Kamin. Die Trompete im hölzernen Ständer auf dem Sims war nun schon Jahre nicht mehr bespielt. Eine dicke Schicht Patina bedeckte das Messing und erzählte so manche Geschichte.

Der alte Trompeter sah auf sein Instrument und lehnte sich in den Stuhl. Krümel fielen aus seinem Bart und Rotz lief matschend aus dem Mund, als er sich grinsend an einen Auftritt auf Helgoland erinnerte…

Man traf sich an jenem Samstag im Jahr 1957 im Garten von Pater Kruhs. Der Pfaffe hatte zu seinem 60. Geburtstag geladen und Norbert sollte mit seinen Musikern die Gäste unterhalten.

Detlef „Deff“ Mettel, Bratschist in Norberts Band, trug seine langen Haare offen. Der Nordseewind riss an der Tolle. Oft musste er die Strähnen aus dem Gesicht wischen. Käthe Winschlett blies leidenschaftlich das Fagott. Mit jedem Atemzug wuchs ihr Busen auf doppelte Größe.

Norbert gab den Takt und die Beiden folgten. Freudig spielte die Kapelle zum Tanz auf. Die Gäste honorierten jeden Song mit Applaus.

„Intensiver blasen, mit mehr Gefühl.“, mahnte Norbert, der genau sah, dass Käthes Spiel ein wenig lustlos war. Käthe holte tief Luft und blies mit dicken Backen ihr ganzes Lungenvolumen in das Fagott. Deff Mettel strich den Bogen elegant über die Bratsche und wippte mit dem Fuß zum Takt. Ein Ton gab den nächsten. Das Eis war gebrochen. Die Drei waren nun nicht mehr zu halten. Mettels Bewegungen glichen denen eines Spastikers. Sein Schädel schlug wie wild umher, die Haare flogen unkontrolliert durch die Luft. Norbert ging mit jedem Takt tief in die Knie und sprang sogleich wie eine Rakete nach oben. Rhythmisch bewegte Käthe dazu ihre Hüften und wackelte mit dem Gesäß. Das Publikum grölte. Der Garten tobte.

„Famos burschikos diese Frau am Fagott.“, tuschelte einer der Zuschauer.
„Der Langhaarige an der Geige ist toll.“, meinte Pater Kruhs erregt.
„Eine Bratsche. Er spielt eine Bratsche.“, verbesserte der Sitznachbar mit rollenden Augen.

Fünf Lieder am Stück spielte das Trio, ehe es erschöpft um eine kurze Pause bat.
„Sie blasen wirklich sensationell.“, lobte Mettel die Winschlett. Käthes Wangen färbten sich rot. Sie schaute verlegen in die Weite des Gartens und leckte lasziv über ihre vollen Lippen.

Der Minuten verrannen, der Abend schritt voran. Norbert Nackend bließ ein Solo auf seiner Trompete. Mit Schwung stapfte er über das gepflegte Grün. Mettel und Winschlett stellten Ihre Instrumente beiseite und klatschten zum Takt. Das Publikum zog begeistert mit.

Nackend gefiel sich in seiner Rolle als Star. Leichtfüßig tänzelte er über den Rasen. Ein Fuß hakte in ein Kabel, welches Deff Mettels Bratsche mit Strom versorgte. Norbert riss den Stecker aus der Dose. Die Bratsche verstummte, als Mettel gerade zum Spiel ansetzen wollte.

Norbert verlor das Gleichgewicht. Im Fallen suchte er nach Halt. Wie rotierende Scheiben schnitten sich seine Arme durch die Luft und fraßen sich hungrig in Käthes Dekolleté.

Der Sturz war nun nicht mehr aufzuhalten. Tief grub sich Norbert in Käthes Mieder und entblößte ihren üppigen Busen, als er sie mit zu Boden riss. Pater Thomas Kruhs stieß einen spitzen Schrei aus und erschrak, als er die halbnackte Käthe sah. Geschwind eilte er zu ihr, um deren blanken Busen zu bedecken.

Breitbeinig lag die Winschlett auf dem Rasen und Norbert halb auf ihr. Sein Kopf steckte zwischen den Brüsten, die Pater Kruhs notdürftig zu bedecken versuchte. Wie ein strammer Schraubstock hielten sie sein Haupt. Mit Mühe befreite er sich aus der misslichen Lage.

Norbert Nackend war benommen. Er lief blind durch den Garten, rammte ein paar Gäste und fiel wie ein Stein in das Buffet. Der zu einer großen Tafel umgebaute Schreibtisch brach unter dem Gewicht von Norbert. Eine Schüssel Mischsalat flog in hohem Bogen in Richtung des Publikums.

Wissen Sie, das geht nun wirklich zu weit!“, beschwerte sich ein Gast lautstark, als diverse Speisen auf ihm landeten. Mehrere Möwen stürzten sich auf den Gast. Dieser rannte davon und sprang von der Steilküste schreiend in die tosende Nordsee.

Deff Mettel lief zu Norbert und zog ihn aus den Trümmern des Buffets.
„Norbert, mein Gott Blut. Norbert wie kommt das Blut da her? Norbert!“, erschrak Mettel, als er Herrn Nackend ansah. Er zeigte ängstlich auf dessen Stirn.

Norbert fasste sich an seinen Schädel und spürte an den Fingern die feuchte Wärme. Er wischte sich einmal quer über seine Stirn und kostete von der Flüssigkeit.

„Rote Beete, Herr Mettel. Hier, probieren Sie.“, Norbert hielt Detlef seine rot getränkte Hand hin.
„Sie haben recht Herr Nackend. Sehr schmackhaft.“, schmatzte Detlef, nachdem er an Norberts Fingern geleckt hatte.

„Was treiben Sie da hinten eigentlich?“, fragte Käthe aufgebracht und zupfte ihr Mieder zurecht. Sie legte ihren Busen zurück in das Halfter. Unvollständig schloss Käthe ihre Bluse. Pater Kruhs riskierte einen schüchternen Blick auf die freiliegenden Warzen.

Norbert schaute zur Winschlett. Sein Teint färbte sich grau und seine schmalen Lippen wurden trocken und spröde. Er ging auf Käthe zu und wischte sich die Lebensmittel von den schmalen Schultern.

Entschuldigen Sie bitte Frau Winschlett. Das ist mir alles sehr peinlich.“, Norbert hielt Käthe seine Hand hin. Irritiert blickte diese Norbert direkt in die Augen.
„Ich nehme Ihre Entschuldigung an Herr Nackend.“, Käthe griff Norberts Hand und schüttelte diese kurz.

„Was für eine Farce.“, stammelte der Pater und wandte sich kopfschüttelnd ab. Das Trio ordnete sich und spielte noch ein paar Lieder. Das Publikum hatte den Vorfall schnell vergessen und feierte Norbert und dessen Band für den fulminanten Auftritt. Der in die Nordsee gesprungene Gast wurde ein paar Tage später am Strand von St. Peter-Ording angespült…

„Man waren das wilde Zeiten.“, schmunzelte Norbert. Die Tür knarrte und jemand betrat den Raum.
„Hier dein Tee, Liebling.“, Käthe strich Norbert durch das schüttere Haar und reichte ihrem Gatten die Tasse. In der anderen Hand hielt sie ihr Fagott.

„Lass uns spielen Nobbi. Detlef ist auch da.“

Diese Kurzgeschichte ist ein Beitrag zur 5. Clue Writing Challenge

Proktologe

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