Der Volkskommunikator

Der Volkskommunikator – Helgoland – 1

Tief in die felsige Steilküste Helgolands gesprengt, erstreckte sich die Anlage unter Tage über mehrere Etagen. Nirgendwo Fenster. Der Beton schimmerte grau. Die Nässe drückte durch die Poren. In manch dunklem Gang roch es nach Urin und Kot. Das fehlende Tageslicht ließ den Komplex bedrohlich wirken. Wie das Maul eines irren Ungetüms ragte der von Soldaten bewachte Eingang des Gebildes in die tosende Nordsee hinein. Etwa zwei mal pro Monat holte sich die raue See einen der Wachmänner. Die fetten Leichen fand man stets am Strand von Büsum. Die Strömung trieb sie dahin. Deshalb mochte niemand gern Wache stehen am Steg vor dem Tor.

In dieser Höhle tüftelten Wissenschaftler an einem streng vertraulichen Projekt. Gernot zu Braunlage war einer von ihnen. Seine Werkstatt stank nach Schweiß und Kaffee. In einer Ecke stand eine verdorrte Blume. Jemand hatte mit bunter Farbe ein Fenster an eine Wand gemalt. Wieder und wieder flog ein verirrter Sperling dagegen. Doch der Flug in die Freiheit misslang, denn es war kein richtiges Fenster. Minuten später sank der Vogel zu Boden und atmete nicht mehr. Er war tot. Eine Putzfrau kam und hob ihn auf.

Ein riesiger Tisch stand in der Mitte des Raumes. Gernot saß auf einer Ecke und baumelte wie ein Kleinkind mit den Beinen. Dabei schob sich sein Gesäß mehr und mehr in Richtung des Geschirrs, welches vom Vortag kreuz und quer dastand. Ein Teller knirschte verdächtig unter dem dicken Po und sprang kurz darauf in zwei Hälften.

„Pass doch auf!“, mahnte ein Senior um die 70 neben dem aufgemalten Fenster. „Du Tölpel hast den Teller zerbrochen.“

„Tut mir leid. Ich ich wusste nicht, dass…“

„…dass Porzellan zerbrechen kann?“, unterbrach der Alte schnippisch.

„Ähm…“, druckste Gernot.

Der Alte hieß Johann Däpp und führte seit einem Jahr die Abteilung. Gernot sah in ihm einen väterlichen Freund und nannte ihn „Johnnie“.

Johann löste sich vom falschen Fenster und schritt durch den Raum. Dabei musterte er alle Anwesenden. Zuerst Gernot, der die Scherben vom Tisch klaubte. Als Nächstes die Putzfrau, die den toten Spatzen auf dem Kehrblech trug. Zum Schluss sich selbst in dem großen Spiegel. Die Reinemachefrau humpelte ohne ein Wort aus dem Raum.

„Frühstück?“, fragte Gernot, nachdem die Putze die Werkstatt verlassen hatte.

Däpp nickte und stapelte das Geschirr in einen Weidenkorb. Die jugendliche Waise Ilse schenkte aus Dank den Korb einst Gernot. Bei vielen Ausflügen zum Leuchtturm hatte er ihr in allen Details die Anatomie des Mannes erklärt.

Gernot griff nach dem Korb und begab sich zur Kantine. Der Weg führte ihn vorbei am Lager, wo er den Verwalter Georg Kluhnei nur von hinten sah. Er grüßte ihn daher nicht. Im Speiseraum angekommen, reihte sich Gernot in die Schar der Hungrigen. Das Angebot war üppig, doch ihm genügten Graubrot, Marmelade und grobe Leberwurst. Dazu füllte er zwei Tassen mit Landkaffee bis kurz unter den Rand. Gernot balancierte seinen Korb geschickt durch den schmalen Gang zurück zur Werkstatt.

Auf dem Rückweg durch den dunklen Flur sah Gernot vor dem Lager Bernd Brütsches und stoppte. Bernd war der oberste Chef und alle nannten ihn nur Chef oder Chef Brütsches. Der Bernd leitete die Anlage, seit sein Vorgänger beim Ausritt mit Ilse einen Infarkt erlitten hatte und tot vom Pferd fiel. Das arme Mädchen Ilse hatte der Vorfall arg mitgenommen und sie suchte Trost bei Gernot, der gerade vorbei gekommen war.

„Kluhnei?“, brüllte der Chef durch die Luke in der Tür und meinte damit Georg Kluhnei, den Verwalter des Lagers.

Armer Schorsch dachte Gernot nur. Schon mehrfach hatte er die Anfälle von Chef Brütsches mitbekommen, denn dieser galt als leicht reizbar.

„Status Kluhnei! Pronto! Wir sind im Krieg, nicht auf der Kirmes.“, setzte Brütsches nach.

Georg zitterte und zog sein Klemmbrett aus dem Schubfach. Er blätterte die Listen flink durch. Dabei sah er ein paar Mal zu Brütsches, der wie ein schnaubender Stier vor der Türe stand.

„Bakelit ist…“, stotterte Kluhnei devot.

„Bakelit?“, fiel Brütsches ins Wort.

„Der schwarze Kunststoff für das Gehäuse des VK.“, erklärte Georg kleinlaut.

„Ach ja. Was ist damit?“

„Kaum noch was da.“

„Mein Gott Sie Vollidiot. Dann bestellen Sie das Zeug einfach.“, Brütsches Kopf war rot wie eine Tomate und drohte zu platzen.

„Jawohl Herr Brütsches.“

„Und das hier sofort weiterleiten!“, plärrte der Leiter und hielt Kluhnei einen Zettel vor das Gesicht.

„Jawohl Herr Brütsches.“

Braunlage hatte die ganze Zeit aus der Entfernung gespannt und so gehofft, dem Chef nicht zu begegnen. Er sah zum Ende des Ganges. Die Tür zu seiner Werkstatt stand einen Spalt offen. Brütsches verharrte vor der Pinnwand neben dem Lager. Er las die Einladung zum Inselfest.

Wenn ich jetzt leise hinter seinem Rücken… dachte Gernot und schlich los. Er hatte die Engstelle fast passiert, da trat Brütsches abrupt einen Schritt zurück. Die Beiden kollidierten prompt. Der Korb mit dem Frühstück geriet in Schieflage. Der Landkaffee kippte. Eine große Menge der braunen Flüssigkeit sog sich in das Hemd des Cholerikers.

„Sie selten dämlicher Untermensch!“, tobte Brütsches. Die Adern im Hals schwollen an. Aus den Poren perlte Schweiß auf die Stirn. Er griff den Kragen von Gernot und drehte den Stoff in der Hand.

Gernot rang nach Luft. Er schloss mit seinem Leben ab. Vor einem hellen Licht erschien ihm die kleine Ilse, die auf einem prächtigen Schimmel ritt. Auf und Ab bewegte sich ihr Körper. Gernot lächelte.

„Herr Brütsches! Nicht!“, flehte Kluhnei. Der Chef reagierte nicht.

„Bernd! Lass das! Sofort!“, mahnte eine Stimme aus dem Dunkel des Gangs. Auf der Stelle lockerte er den Griff und gab Gernot die Freiheit zurück.

Bernd Brütsches rechte Hand Michaela Rohtrieges trat ins Licht. Ihre Reize verdrehten schon so Manchem auf der Insel den Kopf. In ihr gipfelte die weibliche Evolution.

„Anruf vom Führer. Komm!“.

Brütsches lies von Braunlage ab und folgte dem Weib hörig. Die Blicke von Georg und Gernot trafen sich.

„Sportgruppe heute?“, fragte Kluhnei. Gernot nickte und schob die Leberwurst zurück in den Weidenkorb.

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